„Habe nur meine Arbeit getan“: Russischer Atomkriegverhinderer erhält Dresden-Preis

23:00 17/02/2013
DRESDEN, 17. Februar (Sergej Pirogow, RIA Novosti).

Der frühere sowjetische Offizier Stanislaw Petrow, der mitten im Kalten Krieg einen atomaren Schlagabtausch mit den USA und damit den dritten und offenbar letzten Weltkrieg verhindert hat, hat für seine mutige Tat den Dresden-Preis bekommen. Die mit 25 000 Euro dotierte Auszeichnung wurde am Sonntag in der Dresdner Semperoper verliehen.

In der Nacht zum 26. September 1983 hatte das Frühwarnsystem in einem Luftüberwachungszentrum bei Moskau, in dem Petrow Dienst hatte, den Angriff von mehreren amerikanischen Atomraketen gemeldet. Der Oberstleutnant  hatte nur wenige Minuten, um eine Entscheidung zu treffen. „Fehlalarm“, befand er, und bewahrte die Welt vor einer atomaren Katastrophe.

Als die Alarmsirene losging und das Wort „Raketenstart“ auf dem Bildschirm erschien, waren alle im Kontrollzentrum bei Moskau geschockt, erzählte Petrow vor den Hunderten Gästen beim Festakt in der Semperoper. Er musste seine Stimme erheben, um Panik zu verhindern. Aber auch er selbst war so nervös gewesen, dass sein sonst sehr bequemer Dienstsessel ihm wie eine heiße Ofenplatte vorkam. In den 17 Minuten, die vergingen, bis die Bodenradare endgültig die Entwarnung gaben, fühlte er sich „wie kurz vor dem Gang nach Golgatha.“

Jetzt sagt er, es seien seine langjährige Erfahrung und Intuition, die diese Entscheidung herbeigeführt haben. Dennoch verstehe er sich nicht als Held: „Ich habe nichts Heldenhaftes getan, sondern nur meine Arbeit. Und es gefällt mir, wie ich sie getan habe“. Er wisse nicht, wie alles gelaufen wäre, wenn er anders entschieden hätte: Die Geschichte kenne ja kein „Wenn“. Eins sei jedoch bekannt gewesen: „Wer als erster auf den Knopf drückt, lebt nur 27 Minuten länger.“

© RIA Novosti. Sergej Pirogow

Ex-Bundesinnenminister Gerhart Baum

„Sie sind ein wunderbarer Mensch und ein großer Mann“, sagte TV-Journalist Claus Kleber in der Laudatio auf den Preisträger. Ein anderer hätte wahrscheinlich anders entschieden als Petrow. „Wir sind heute hier, weil es Stanislaw Petrow gab und weil er ist, wer er ist“. Ex-Bundesinnenminister Gerhart Baum würdigte Petrow als Beispiel für Mut und Zivilcourage. Laut Baum sind die Überlebensprobleme der Menschheit immer noch nicht gelöst. Deshalb sei diese Preisverleihung auch ein Appell, die Verbreitung der Atomwaffen in der Welt zu stoppen.

Petrows Tat „wird als eine der großen Friedenstaten der letzten Jahrzehnte in die Geschichte eingehen“, urteilte Heidrun Hannusch, Vorstandsvorsitzende des Vereins „Friends of Dresden Deutschland“, der den Dresen-Preis gestiftet hat. Nicht nur, weil Petrow einen Krieg verhindert hat. Petrow „steht dafür da, dass der Einzelne auch die Verantwortung übernehmen kann“.

Frau Hannusch hatte Stanislaw Petrow „entdeckt“ und für den Dresden-Preis vorgeschlagen. „Wir haben ihn eigentlich schon vor drei Jahren entdeckt“, berichtete sie in einem Gespräch mit RIA Novosti. Weil 2010 bereits Michail Gorbatschow für sein Engagement gegen die atomare Aufrüstung den Dresden-Preis erhalten habe, habe man nicht gleich wieder einen weiteren Russen zu der gleichen Thematik auszeichnen können.

© RIA Novosti. Sergej Pirogow

Weltenretter Stanislaw Petrow bekommt den Dresden-Preis

Nach dem „World Citizen Award“ und dem Deutschen Medienpreis ist der Dresden-Preis bereits die dritte westliche Auszeichnung für den Atomkriegverhinderer aus dem Osten. In der Heimat wurde Petrow für seine Tat weder belobt noch belohnt. Der jetzt 73-Jährige, der seit Jahren in einem Moskauer Vorort einsam lebt, führt das auf die „russische Mentalität“ zurück: „Die Russen haben so viel durchgemacht wie kein anderes Volk“.

Als die Welt vor dem Abgrund stand

Der 26. September 1983 hätte der letzte Tag der Menschengeschichte sein können. An diesem Tag hatte Petrow im Satellitenüberwachungszentrum Serpuchow-15 nahe Moskau Dienst, als das neue Frühwarnsystem den Abschuss von fünf amerikanischen Atomraketen Richtung Sowjetunion anzeigte. Laut Vorschrift hatte der Dientshabende Offizier den damaligen Generalsekretär Juri Andropow unverzüglich über die Attacke in Kenntnis zu setzen. Doch der Oberstleutnant ignorierte den Computer und meldete intuitiv Fehlalarm, obwohl noch nicht klar war, ob es sich um Irrtum oder Ernstfall handelt.

Damit verhinderte er einen massiven atomaren Gegenschlag der Sowjetunion gegen die USA, auf den unbedingt ein Vergeltungsschlag der Amerikaner gefolgt wäre. Seine Entscheidung erklärte der studierte Mathematiker Petrow später damit, dass es unlogisch wäre, Atomraketen in einer derart geringen Anzahl und von ein und demselben Ort abzufeuern: Wenn die Amerikaner sich zu einem Atomschlag entschieden hätten, hätte es bestimmt eine massivere Attacke gegeben.

© RIA Novosti. Sergej Pirogow

Weltenretter Stanislaw Petrow bekommt den Dresden-Preis

Später stellte sich heraus, dass das neue Atomangriff-Warnsystem auf Sonnenlichtreflexe in den Wolken reagiert hatte. Der Computer hatte diese mit Startblitzen von Atomraketen verwechselt und Alarm ausgelöst. Das defekte System wurde repariert und der Vorfall landete unter Geheimakten. Die ganze Geschichte geriet erst 1993 Jahren an die Öffentlichkeit, als der Weltenretter Petrow schon in der Rente war.

2006 zeichnete ihn die Association of World Citizens im UN-Hauptquartier in New York mit dem „World Citizen Award“ aus. Sechs Jahre später erhielt Stanislaw Petrow in Baden-Baden den Deutschen Medienpreis.

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