Noam Chomsky – Die Demokratie wird zerschreddert

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Anarchist Noam Chomsky „Die Demokratie wird zerschreddert“
Von Michael Hesse

Fortschritt ist das Resultat öffentlichen Engagements, sagt Noam Chomsky.

Foto: Reuters
„Jeder sollte ein Anarchist sein“: Ein Gespräch mit dem Linguisten Noam Chomsky über die Krise des Neoliberalismus, die kriminelle Energie in den Banken und die unterschiedlichen Lesarten seiner Sprachtheorie.

Noam Chomsky
Noam Chomsky, Jahrgang 1928, machte sich in den 60er Jahren als Sprachforscher einen Namen. Neben seiner weltweit diskutierten Arbeit als Wissenschaftler tritt er seitdem als einer der prominentesten Kritiker der amerikanischen Innen- und Außenpolitik auf. In den letzten Jahren engagierte er sich als Gegner des Neoliberalismus für eine gerechte Weltordnung.
Herr Chomsky, Ihre Theorie der Ur-Grammatik hat Sie berühmt gemacht, heute werden Sie vor allem als politischer Kritiker wahrgenommen. Was ist Ihnen wichtiger?
Beide sind mir gleich wichtig, sie gehen parallel.
Was denken Sie über die gegenwärtige politische und Wirtschaftskrise?
Die Krisen in Europa und den USA sind sehr ernst zu nehmen. Es ist jedoch nicht das größte Problem, das je die menschliche Spezies heimgesucht hat. Auch wenn es einzelne Menschen sehr hart trifft: Was viel größere Sorgen bereitet und die Menschheit im ganzen stärker betrifft, ist die Klimakatastrophe. Sie hat viel größere Bedeutung für die Menschen. In Anbetracht der Tatsache, dass sich mehr als eine Milliarde Menschen rund um die Erde in Folge der Klimaerwärmung auf Wanderung begeben, ist dies deutlich wichtiger als die derzeitige Wirtschaftskrise.
Wie verändert man die Welt?
Es gibt keine Zaubertricks. All der Fortschritt, der zweifellos gemacht wurde, ist das Resultat eines öffentlichen Engagements von Bürgern und dem politischen Aktivismus für einen Wechsel. Man muss sich nur das letzte halbe Jahrhundert ansehen. Es gab Fortschritte. Wir leben nun in größerer Freiheit als jemals zuvor. Die Frauenrechte haben enorm zugenommen in einem der freiesten Ländern, den USA. Wenn wir einen Blick in die Geschichte werfen, sehen wir, dass die Frauen im Common Law Großbritanniens noch als Eigentum ihrer Väter betrachtet wurden. Der Vater hatte über sein Eigentum zu entscheiden, wen die Frau zu heiraten hätte. Noch 1975 sah es für Frauen in der amerikanischen Gesetzgebung schlecht aus. Das ist gar nicht so lange her. Nun sind die Frauen auch in den USA gleichberechtigt. Die Hälfte der Studierenden an den Universitäten sind Frauen.
Und es gab Rückschritte.
Die Etablierung großer Wohlfahrtsstaaten waren eine der größten Errungenschaften Europas. Dann wurde Hand an sie gelegt. Ich erinnere mich an ein Interview von Mario Draghi, der in die Kameras sagte: „Der Wohlfahrtsstaat ist tot.“ Er sagte nicht, ob er dies wünsche oder nicht, sondern nur, dass es so ist. Das ist ein Einschnitt. Es ist in der Tat so, dass einige Wirtschaftsmacher die zivilisatorischen Errungenschaften Europas unterlaufen. Dasselbe gilt für Amerika.
Sie sprechen vom Zeitalter des Neoliberalismus.
Das, was seit 30, 40 Jahren hier passiert im Namen des sogenannten Neoliberalismus hat eine extrem schädliche Wirkung auf die Vereinigten Staaten gehabt, wie überall, wo diese Prinzipien angewandt wurden. Die Ungleichheit in den USA hat den höchsten Stand in der Geschichte dieses Staates erreicht. Ein paar hundert Leute sind reicher als die ärmsten 100 Millionen Amerikaner, einmal abgesehen von der Konzentration der politischen Macht. Die USA sind in Bezug auf soziale Gerechtigkeit ganz unten unter den OECD-Staaten. Das alles ist ein sehr ernstzunehmender Rückschritt.
Heute stehen alle ratlos da. Weder Liberalismus noch Keynesianismus haben Antworten auf die Krise.
Das stimmt nicht. Die Krise von 2007/2008 war das Resultat eines kriminellen Verhaltens der Großbanken. Das gilt für die USA, für Spanien und andere Schauplätze. Es ist eine Krise des Neoliberalismus. Das Prinzip der Deregulierung, der Sicherungspakete für die Banken, die angeblich too big to fail sind, das alles führte in ein Desaster. In den 50er und 60er Jahren lief es gut, weil die Strukturen des New Deal griffen und die Banken taten, was sie zu tun haben. Doch seit den 80ern ist die Deregulierung fortgeschritten, haben Investmentbanken das traditionelle Bankgeschäft in den Hintergrund gedrängt. Das alles führte in die Krise. Und wenn wir nichts dagegen tun, wird die nächste Krise auf uns warten.
Also hilft doch Keynes?
Wir können diese Probleme mit Hilfe der keynesianischen Methoden lösen. Was wir aber zurzeit hier debattieren, ist, wie wir das Schuldendefizit reduzieren. Darum kümmert sich die politische Klasse. Der einzige Grund hierfür ist, dass die Finanzmärkte sich auf die Defizite konzentrieren. Ihr politischer Einfluss ist so riesig, dass die politische Klasse sich mit ihren Vorgaben befasst und sich auf die Staatsausgaben konzentriert. Defizit ist eine gute Sache in einer Phase der Rezession, es sorgt für eine Stimulierung der Nachfrage. Wenn keine Nachfrage im Markt vorhanden ist, gibt es die Möglichkeit, dass die Regierung sie stimuliert. Aber das ist nicht das, was die Finanzmärkte wollen. Es ist aber das, was die Bevölkerung will. Sie will Arbeit, das Hauptproblem ist die Arbeitslosigkeit und nicht das Defizit. Die Demokratie wird auf diesem Weg zerschreddert.
Sie bezeichnen sich als Anarchist. Wie hilft die Anarchie da weiter?
Anarchismus ist ein sehr breiter Begriff. Es besitzt einen Kern von Grundsätzen mit zeitlosen Werten, die Menschen zum Handeln anleiten sollen. Diese Grundsätze wurden in der Aufklärung reformuliert, wo sie ihre Blütezeit erlebten. Im Grunde haben sie aber tiefer liegende Wurzeln.
Was zeichnet einen Anarchisten aus?
Anarchisten entdecken zum Beispiel nicht legitimierte Machtstrukturen, sie verlangen, dass Macht stets gerechtfertigt wird. Ist das nicht der Fall, arbeitet ein Anarchist an der Überwindung dieses Zustandes. Der Anarchismus ist manifest in dem Fortschritt in der Menschheitsgeschichte, von dem ich gesprochen habe.
Dann sollte jeder Anarchist sein?
Ja, jeder sollte ein Anarchist sein und immer dann, wenn er eine illegitime Macht erkennt, bekämpft und zerstört, ist er ein Anarchist. In diesem Sinne sind die meisten Menschen Anarchisten.
„England und Frankreich müssen ihre Kolonien entschädigen“
Welche Frage der Gerechtigkeit ist es wert, nicht vernachlässigt zu werden?
Die anglophonen Länder stehen als reiche und mächtige Staaten wegen der destruktiven Rolle, die sie in der Welt gespielt haben, besonders in der Verantwortung. Sie müssten, wie auch andere reiche Länder, eine Menge an Reparationen an die Länder zahlen, die sie unterdrückt, vernichtet, ausgebeutet und erpresst haben, um ihren eigenen Wohlstand zu mehren.

Welche Staaten haben Sie da vor Augen?
Frankreich, das 20 Prozent seines Wohlstandes aus der Ausbeutung seiner reichsten Kolonie, Haiti, erwirtschaftete, bis die USA diesen Job zu Ende führten und Haiti übernahmen. Hierfür müssten beide, die USA und Frankreich, noch heute Haiti eine große Summe an Reparationen zahlen. Oder Großbritannien, das Indien zu einer Zeit unterwarf und kolonisierte, als Indien zu den hochentwickeltsten Ländern der Welt zählte. Indiens Produktion war in der Textilindustrie oder der Stahlindustrie der britischen weit überlegen, so dass die Briten die indischen Produkte mit einem hohen Zoll belegten, um die eigene Wirtschaft zu schützen. Gleiches gilt für Bangladesch, das zu den reichsten Gebieten der Welt zählte, bevor die Briten ankamen. England sollte die Länder entschädigen für das Unheil, das sie angerichtet haben. Das sind die bedeutenden Fragen, wenn es um Reparationen und Gerechtigkeit geht.

Ihren Ruhm haben Sie mit Ihrer Sprachtheorie erlangt. Gibt es noch viele Anhänger Ihrer Theorie, dass alle Sprachen in einer Ur-Grammatik ähnlich sind?
Ja, es gibt immer noch viele, die im Rahmen der Theorie arbeiten. Aber ich will sie nicht als meine Theorie bezeichnen. Es geht hier schließlich um Wissenschaft und nicht um eine Religion! Die Theorie ist vielmehr eine Art Rahmen, in dem viele Wissenschaftler ihre Ideen einfließen lassen und dieses Gewebe weiterentwickeln. Es ist viel mehr ihre als meine Theorie. Jeder, der an einer Grammatik arbeiten will, ist Teil dieser Gemeinschaft. Es gibt Neuerungen, Ergänzungen und Verbesserungen. Es geht darum, Eigenschaften und Strukturen der Generativen Grammatik zu finden, und Menschen betreiben das nun einmal in unterschiedlicher Weise.

Einer Ihrer Schüler, Daniel Everett, hat Jahre am Amazonas verbracht. Er ging als Missionar dorthin. Doch dabei hat er nicht nur seinen Glauben verloren, sondern auch eine neue Sicht auf die Sprache gewonnen. Er studierte das Volk der Pirahas am Amazonas und stellte fest, dass ihre Sprache keine Vergangenheit, keine Farbwörter, keine Nebensätze kennt. Das dürfte doch nicht der Fall sein, wenn Ihre Theorie einer Ur-Grammatik richtig wäre.
Es gibt unterschiedliche Meinungen über die Schlüsse aus seinen Beobachtungen. Es gibt eine große Studie seines Lehrers, Kenneth L. Hale, eines großen Linguisten, der 2001 starb. Auf ihn geht die Theorie des „cultural gap“ zurück. Hale beschäftigte sich vor allem mit den australischen Sprachen wie auch den Einheimischen-Sprachen in Amerika oder Afrika. Er stellte heraus, dass viele Sprachen große kulturelle Unterschiede aufweisen. So haben zum Beispiel viele keine Zahlwörter, etwa für die Zahl „4“. Aber er stellt sich heraus, dass die Menschen in solchen Sprachen dennoch keine Probleme mit Zahlen haben. Sie können sich dennoch problemlos in einer Markt-Gesellschaft bewegen.

Dank einer Ur-Grammatik, die Sie in Ihrer Theorie vertreten?
Auch wenn sie keine eigenen Zahlbegriffe kennen, können sie die Hand für fünf hochhalten oder beide Hände für zehn, es gibt noch viele andere Weisen. Das ist kein Problem. Das gleiche gilt für Farbwörter. Viele Sprachen haben nur begrenzte Namen für Farben, manche kennen nur schwarz und weiß. Aber dieselben Menschen beziehen sich zum Beispiel auf die Farbe rot, indem sie etwa „Blut“ sagen. Es gibt viele Möglichkeiten, dies zu tun.

Das Problem sind aber doch die Nebensätze? Durch Nebensätze übersetzt eine Sprache rekursive Gedanken in Grammatik. Rekursive Gedanken sind einzelne Gedanken, die als untergeordnete Teile zum Bau komplexer Ideen dienen. Wenn aber die Pirahã keine Nebensätze bilden, dann kann Rekursion nicht Quell der Einzigartigkeit menschlicher Sprache sein. Sie wäre nicht Teil einer universalen Grammatik. Was dann?
Kenneth Hale machte schon damals darauf aufmerksam, dass es sehr gewöhnlich für Sprachen sei, keine Nebensätze zu haben. Er war ein ernstzunehmender Linguist. Sprachen nehmen unterschiedliche Wege, um Strukturen in sich einzugliedern. Das heutige Standardenglisch lässt sich nicht einfach in das Mittelenglisch eingliedern. Die Vorrichtung war da. Aber diese ganzen Fragen wurden doch schon vor vierzig Jahren umfassend diskutiert. Es gibt viele Forscher, die sich mit den Amazonas-Sprachen beschäftigen, ohne das besonders herauszustellen.

In welchem Zusammenhang stehen Gehirn und Sprache?
Wir wissen nicht, wie das Gehirn von Menschen vor 100.000 Jahren ausgesehen hat. Wir haben keine Aufnahme davon, so wie wir es heute in der Hirnforschung gewohnt sind, Vorgänge zu visualisieren. Wir können viel besser unseren Wahrnehmungsapparat untersuchen, weil wir ihn mit denen anderer Organismen vergleichen können. Tiere, Katzen, Affen haben das gleiche Wahrnehmungssystem wie wir. Es gibt also eine vergleichbare Basis für solche Forschungen. Nur für die Erforschung der Sprache gibt es solche Vergleiche nicht. Kein anderer Organismus hat eine mit dem Menschen vergleichbare Sprache.

Es gibt also keine biologischen Erkenntnisse über die Ur-Grammatik?
Es gibt interessante Resultate. Etwa, dass es in den vergangenen 50.000 Jahren keine Evolution in Bezug auf die Sprachsysteme gegeben hat. Seitdem der Mensch Ostafrika verlassen hat, gibt es nichts Neues. Die einzelnen Stämme haben exakt dieselbe linguistische Struktur wie Kinder, die in Boston aufwachsen. Es mag vielleicht einige individuelle Unterschiede geben, jedoch keine gruppenspezifischen. Kinder aus der Vorzeit würden genauso Portugiesisch lernen wie meine Enkelkinder. Das zeigt uns, dass es in den vergangenen 50.000 Jahren keine Evolution der Sprachfähigkeiten gegeben hat. Wenn man sich die universale Grammatik ansieht, muss man feststellen, dass es die Genetik ist, die uns hier festlegt. Danach kann man versuchen herauszufinden, welche Art von System unter diesen gegebenen Bedingungen sich entwickelt haben könnte.

Interview: Michael Hesse

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