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Salzburger Festspiele ohne Jean Ziegler
(4.4.2011) Eigentlich sollte Jean Ziegler bei den Salzburger Festspielen sprechen, doch inzwischen hat sich Landeshauptfrau Gabi Burgstaller (SPÖ) dazu entschlossen, die Einladung zurückzuziehen. Ziegler vermutet Druck der Sponsoren und sagt in einem Interview über Burgstaller: „Sie ist eine kluge Frau, sie ist wohl eine der wenigen Frauen in Europa, die den Namen ‚Sozialistin‘ verdient. Sie ist sympathisch. Ihr Beruf ist sicher nicht einfach.“Die Vorbereitungen waren aber schon sehr weit gediehen, denn Burgstaller schlug als Titel der Rede „Aufstand des Gewissens“ vor: „Wir haben dann den Vortrag besprochen: Zunächst würde ich die Weltordnung darstellen, dass etwa alle drei Sekunden ein Kind verhungert. Dann würde ich erläutern, was Kunst, Musik und Poesie zu einem Aufstand des Gewissens, der die Welt radikal verändert, beitragen könnten. Ich würde sagen, warum Kunst eine Waffe ist. In dieser Phase der Vorbereitung haben wir uns sehr gut verstanden. Sie hat gewusst, was ich sagen würde, und sie hat mich deswegen eingeladen.“So gerne hören Konzerne allerdings nicht, wozu ihr Handeln führt, denn gerade Ziegler ist dafür bekannt, die Folgen kompromisslos anzuprangern. Menschen, die verhungern, werden aus seiner Sicht ermordet, die Täter kommen nie vor Gericht. Ziegler meint zu seinen Gegnern: „Die Salzburger Festspiele sind eine heilige Handlung in Europa. Sie sind sündhaft teuer, und sie werden – wie Biennalen in Venedig und Golfturniere – mitfinanziert von Konzernen, darunter sind Credit Suisse, UBS und Nestlé.

Warum geben diese Geldsäcke Millionen? Nicht aus Liebe zur Kunst oder aus Liebe zu Frau Burgstaller oder zu Frau Rabl-Stadler, sondern weil sie ihren Großkunden – darunter Steuerbetrüger aus Florida oder sonstwo – Logenplätze schenken können. Genauso ist das beim Opernball in Wien oder beim Pferderennen in St. Moritz. Und jetzt hören die plötzlich, der Ziegler redet dreißig Minuten lang zu ihren Großkunden. Da gehen die natürlich in die Luft.“

Absurd ist für Ziegler die Behauptung, dass besagte Konzerne ja überhaupt keine Ahnung davon hatten, dass er sprechen soll, denn „die sind keine Chorknaben“. Daher vermutet er auch, dass „die Pression auf die Landeshauptfrau wohl sehr stark sein“ muss: „Ich weiß, wie Konzerne Druck ausüben.“ Von unserem Land ist der Schweizer aber keineswegs enttäuscht: „Im Gegenteil! Die Zivilgesellschaft in Österreich ist von unglaublicher Lebendigkeit. Weil das Prinzip der Meinungsfreiheit tangiert ist, habe ich binnen Stunden Solidarität erfahren, von der Nobelpreisträgerin (Elfriede Jelinek, Anm.) und anderen großen Schriftstellern bis zu engagierten Bürgern.

Das ist großartig! Dafür bin ich dankbar. Und in Salzburg gibt es eine unglaubliche Leuchtkraft.“ Tatsächlich haben sich sofort einige KünstlerInnen mit Ziegler solidarisiert, und die Grünen haben ihn dazu eingeladen, eben an einem alternativen Ort während der Festspiele zu sprechen. Er wird dem nachkommen, wenn es in seinen sicher sehr dichten Terminkalender passt.

Infos:
Interview in den Salzburger Nachrichten
Bericht bei Nachtkritik
Solidarität für Ziegler (Standard)

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Alexandra Bader
alexandra@ceiberweiber.at

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